Vorlagen: was zählt

Als Predigttext zum Reformationstag 2021 ist Gal 5,1–6 vorgesehen:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Der Satz, mit dem Paulus das Kapitel 4 des Galaterbriefs abschließt, ist so stark und prägnant, dass man ihn auf ein Plakat drucken kann.

Doch was genau heißt das – „Freiheit“? Damals wie heute lässt sich der Begriff sehr unterschiedlich deuten.

Im 5. Kapitel des Galaterbriefs skizziert der Apostel, wie er ihn verstanden wissen möchte: Die Freiheit der Christgläubigen ist stets auf engste verbunden mit Glaube und Liebe (V. 6) und mit dem Einander-Dienen:

„Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt [3. Mose 19,18]: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘“ (V. 13–14).

Glaube, Nächstenliebe, Dienst – es ist eine wuchtige Trias christlicher Tugenden, die Paulus hier zusammenfügt. Am Reformationstag 2021 wirft sie eine Reihe sehr aktueller Fragen auf: Wie gut sind wir diesem Anspruch in der Corona-Krise gerecht geworden? Aus welchen Fehlern müssen wir lernen? Was ist unsere Antwort auf die Leitfrage des diesjährigen Reformationsfests?

Predigt zum Reformationstag 2021 - Was zählt?

Liebe Gemeinde in diesem Reformationsgottesdienst 2021! Wir haben in diesem und im letzten Jahr in einer besonderen Situation gelebt. Wahrscheinlich wurde kein Wort so oft gehört wie das Wort Pandemie. Pan heißt alles, gänzlich und Demos ist das Volk. Etwas, das alles Volk und vollständig alle Menschen betrifft. Und das auch alle verbindet. Auf einmal haben Nationen nicht die entscheidende Rolle gespielt, nicht die Differenzen, die verschiedenen Systeme, unterschiedliche Traditionen und Kulturen. In gewisser Weise waren wir alle eins in der Pandemie. Gleich betroffen, gleich verängstigt, gleich eingeschränkt, gleich isoliert. Ein winziger unsichtbarer Feind hat in gewissem Sinn die Welt miteinander verbunden und die Unterschiede nivelliert. Und die Bemühungen zur Eindämmung haben auch Menschen zusammengeschlossen, die sonst nie zu Koalitionären geworden wären.

Ist das eine der guten Seiten, die sich in der Pandemie gezeigt haben? Dass wir über Differenzen hinwegsehen konnten. Dass wir ein Stück gleicher geworden sind in unseren Unterschieden, weil wir alle infiziert oder infektiös werden konnten, selbst gefährdet und gefährlich für andere. Sehnsüchtig nach Nähe und trotzdem immer kontrolliert. Ich erinnere mich noch – am Anfang war das anders. Da diskutierten wir in der ersten Welle, ob wir das alles mitmachen müssen oder uns widersetzen, ob wir nach unserem Gutdünken oder solidarisch handeln. In der zweiten war es klar, auch durch die verordneten Auflagen. Ob mit oder ohne Überzeugung – fast alle machten mit. Und dann in der dritten Welle wollten fast alle die Impfung. Und was wurde gefachsimpelt über die bessern Impfstoffe und über die politischen Maßnahmen. Überzeugt oder nicht, alle wollten wieder die Freiheit zurück, sich nicht mehr testen lassen müssen, keine Quarantäneauflagen mehr einhalten.

Ja, es gab nur eins, was zählte. Die Inzidenz runterbringen. Die Pandemie eindämmen. Die Ansteckungen verhindern. Das exponentielle Wachstum stoppen. Die Kitas und Schulen und Universitäten wieder öffnen. Die Gastronomie wiederbeleben. Die Freunde wieder in den Garten einladen. Es zählte nur eins und dafür haben alle mitgemacht. Es zählte der Schutz. Der eigene und der der andern, besonders der Gefährdeten. Es zählte die kleine Hilfe, der Kontakt auf anderen Wegen, wo er direkt nicht erlaubt war. die Aufmerksamkeit für die Einsamen. Und es zählte der Kampf ums Leben, auch ums wirtschaftliche Überleben, das Mitfühlen mit den besonders Betroffenen und das Zurückstellen des Eigennützigen, damit das große Ganze gelingt.

Was zählt? Ist es das, was zählt? Das solidarische An-einem-Strang-ziehen? Ich finde das – in gewissem Sinn – in unserem Predigttext wieder. Paulus hat Menschen vor Augen, die sich als sehr unterschiedlich empfinden. Die einen kommen aus der jüdischen Tradition, die anderen sind auf anderem Weg zu Christenmenschen geworden. Beide pochen auf ihre Kultur und Herkunft. Er aber sagt: in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Das Herkommen, sagt er, ist unerheblich. Das Verbindende zählt. Ein liebevoller Glaube verbindet über die Unterschiedlichkeiten hinweg.

Das ist tatsächlich etwas, was zählt. Die Freiheit, zu der wir befreit sind, lässt das „Sich-selbst-zum-Maßstab-machen“ hinter sich. Die Freiheit bedeutet, sich über die engen Zugehörigkeits- und Abgrenzungsmechanismen hinwegzusetzen und die liebende und liebevolle Verbindung stark zu machen. Das nehme ich gerne als ein Leitmotiv, was Reformation in diesem Jahr bedeuten kann. Glaube ist durch Liebe tätig. Er integriert, bringt zusammen. Er grenzt sich nicht ab und grenzt niemanden aus.
Wo brauchen wir das heute? Ich denke zuerst an die Kirche selbst. An die Traditionalisten in ihr und die liberalen Reformerinnen und Reformer. Unter einem großen Kirchendach oder besser in Gottes großem Haus der Kirche sind hoffentlich genug Wohnungen. Viel Platz für Individualität und Raum zur Entfaltung. Es gibt Raum für viele Arten von Glaubensäußerungen, traditionelle Gemeindegruppen, soziale und diakonische Anliegen, Geselligkeiten, Glaubensbildung, politische Initiativen. Viele können sich mit ihrem Interesse beheimaten. Die Vielfalt stört nicht. Im Gegenteil, sie regt an und bereichert.

Dasselbe gilt wohl auch in größeren Kreisen. Unter den Konfessionen, unter den Religionen und auch zusammen mit den Unreligiösen. Wir sind Christen im Dorf und in der Stadt, mitten in einer pluralen und oft unreligiösen Gesellschaft. Wir sind nicht für uns. Wir sind in einem Weltgefüge. Deshalb ist es tatsächlich ein wichtiger Leitvers, den Paulus uns mitgibt: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Und zwar zuerst zur Freiheit von der eigenen Innenschau und Enge und Binnensicht. Sicher, wir haben auch vieles Eigene zu regeln. Aber wir sind nicht für uns, sondern für und mit anderen. Unser Glaube wird zur Liebe und die wendet sich zu den anderen, nach außen in Stadt und Land und Welt.

„Sei frei von den Selbstverengungen“ Kann als diesjähriger Reformationsruf gelten. Sei frei von Engführungen und Engstirnigkeiten. Ich denke an die vielen Menschen, die Zeit und Engagement gefunden haben für die, die wirklich in die Enge getrieben waren. In aller Beschränkung hat es so auch eine Weiträumigkeit gegeben, die eine gute Erfahrung war. Wenn man daran anknüpfen könnte! Wenn es möglich wäre, diese Dimension weiter auszubauen! Das wäre ein Gewinn für das Gesamtgefüge. Eine etwas andere Kultur, die nicht so sehr die eigenen Dinge sieht, sondern die gemeinsame Wert-Steigerung – nämlich mit solchen Werten, die zum Befinden von allen wichtig sind.

Man konnte also – so scheint es jedenfalls - in der Enge der Beschränkungen eine andere Verengung frei bekommen. Ging es Ihnen auch so? Ein Stück weit war es ja paradox. Wo wir alle in die Kleinräumigkeit gezwungen waren, haben wir gleichzeitig einen Blick für das Ganze und nicht nur für das eigene Kleine gehabt. Für manche hat sich der Fokus auf das vermeintlich Großartige verändert. Wir haben das Naheliegende neu schätzen gelernt, die kleinen Begegnungen und Belebungen. Als wäre der Blick vorher wie in eine Tele-Einstellung vor allem auf das großartige Entfernte gerichtet gewesen, ist auf einmal die Makro-Perspektive wiederentdeckt worden. Der Campingplatz um die Ecke. Der Schrebergarten und die Ziele in Fahrradreichweite.

Man könnte sagen, dass in gewissem Sinn ein altes Anliegen der Reformation eine neue Gestalt gefunden hat. „incurvatus in se ipsum“ hatte Luther es genannt – in sich selbst verkrümmt und um sich selbst besorgt. Ja, zum Teil gab es das sicher auch noch in der Pandemie. Aber gleichzeitig war eben auch zu erleben, dass die Menschen aufeinander achteten, so als stünden sie selbst gar nicht mehr im Mittelpunkt und müssten sich nicht um ihr Heil, sondern um das Heil der Welt kümmern.

Theologisch ist es der Glaube an das unverdiente Liebesgeschenk Gottes, der die Selbstsorge überflüssig macht. Wem Gott das Heil zusagt, muss sich in diese Sorge nicht mehr verkrümmen, sondern kann sich aufrichten und den Blick frei bekommen von der besorgten Innenschau. Das bekam in der Pandemie eine weltliche Metapher. Ein Stück neues Selbstverständnis. Sicher – manche waren auch jetzt vor allem um sich selbst besorgt. Aber viele haben sich gerne ein wenig aus dem Mittelpunkt herausgerückt, haben sich selbst zurückgenommen und haben das große Ganze und das Wohlergehen der Vielen in die vorderste Reihe gestellt.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Das ist ein wichtiges Wort. Viel Energie ist darauf gerichtet, das Leben zu sichern, den Wohlstand zu mehren, die Erlebnisse zu steigern und die kleinsten Dinge zum Wichtigsten zu machen. Wenn das nicht mehr nötig ist, wird Energie frei, die sich auf anderes richten kann, auf die Solidarität und auf die Liebesperspektive.

„Sei frei von der Enge“ ist seit 500 Jahren und bis heute ein Wort der Reformation. Finde die Weite des Herzens – gerade und besonders dann, wenn Äußeres dich beengt. Lass nicht zu, dass etwas dich innerlich eng macht. Halte dir die Sicht offen. Halte den Bedrängungen die Herzensfreiheit entgegen. Das gilt nicht nur als Erkenntnis der Reformation. Es wird ein Verständnis vom Leben, in dem sich die Gewichte zurechtrücken. Selbst befreit und frei für den Blick der tätigen Liebe. Das zählt.


Henning Busse
Landespastor für Männerarbeit
im Haus kirchlicher Dienst